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Ein Staat ohne Glauben? Über die „politischen Religionen“

Rein zufällig stieß ich auf einen Artikel der ZEIT online mit dem Namen „Ohne Glaube ist kein Staat zu machen“ in dem Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse mit einigen, nun ja sagen wir, fragwürdigen Thesen die Relevanz der Religion und des Glaubens für den deutschen Staat zu erläutern versuchte.

Gleich zu Beginn kommt Thierse mit der altbekannten These daher, dass es in der DDR keinen Religionsunterricht gab und „siehe da, das Ding ging unter!“. Ich hoffe sehr, dass unser Bundestagsvizepräsident sich da nur ein wenig missgünstig ausgedrückt hat und eigentlich etwas anderes damit zum Ausdruck bringen wollte. Denn tatsächlich zu behaupten, dass ein autoritärer Staat wie die DDR aus Gründen der Religionslosigkeit zum Scheitern verurteilt war und all die Unmenschlichkeiten auf eben jene Religionslosigkeit zurückzuführen ist, wäre schon ein ganz harter Knochen.

Aber diese Gelegenheit nutzt Herr Thierse, um weiter auf den Zusammenhang von totalitären Staaten und Religionslosigkeit aufmerksam zu machen und erwähnt hier Namen weiterer „religionsloser Verbrecher“ wie Hitler, Stalin oder Mao Zedong. Er unterliegt dabei jedoch dem klassischen Fehler, Religionslosigkeit mit Gottlosigkeit zu verwechseln.  Aber da ist er beileibe nicht der einzige. Denn was alle totalitären Regime des 20. Jahrhunderts gemein hatten, war ihre religiöse Struktur. Man kann daher auch von „politischen Religionen“ sprechen, deren Höchstform sich in der Gestalt des Nationalsozialismus offenbarte. Hitler oder das NS-Regime daher als religionslos zu bezeichnen, widerspricht den tatsächlichen Fakten. Kaum ein anderes totalitäres Regime wies so viele religiöse Strukturen auf, wie Hitlers NS-Regime(Heutzutage evt. noch Nord-Korea).

 

Kriterien einer Religion

Politische Religionen und Offenbarungsreligionen weisen deutliche Gemeinsamkeiten in ihrer Struktur und Organisationsform auf und sind zu dem vom eigentlichen Glauben an irgendetwas zu differenzieren. Religionen im Allgemeinen weisen Folgende Kennzeichen auf, die in dieser oder einer ähnlichen Form, bei jeder Weltreligion oder politischen Religion zu finden sind:

  • Glaubensgrundsatz: Am Anfang jeder Religion steht die Idee. An was soll geglaubt und für was gekämpft werden (Der göttliche Auftrag/ Die Vorsehung)? Mit welchen Versprechen und welchen Strafen setzen wir diesen Glauben um (Paradies/Hölle)? Wie sehen die Gebote und Verbote aus (Befehl/Gehorsam)? Und welche Vorteile habe ich, wenn ich mich ihr anschließe und unterwerfe (Ewiges Seelenheil/Erlösung)? Die Analogien zum 3. Reich werden schnell deutlich, wenn man die Begriffe wie göttlicher Auftrag, Hölle, Seelenheil, Befehl und Gehorsam im Kontext des NS-Regimes und Hitlers Reden betrachtet.
  • Heilige und Propheten: Jede Religion hat natürlich auch seine Heiligen, die Propheten, die Erlöser, die als transzendentales Medium zwischen „Himmel und Erde“ fungieren. Durch Sie wird der Wille, der göttliche Auftrag und die Gebote an die Gemeinschaft übermittelt. Ihr heiliger Status ist unantastbar und das Infragestellen der geistigen Führer gleicht der Blasphemie. Sie sind Gottes Vertreter auf Erden (Papst, Mohammed, Jesus, Hitler).
  • Verbreiten der Glaubenslehre: Die Worte der Propheten werden natürlich auch weiterverbreitet. Meist passiert dies in einem eigenen „Glaubensunterricht“ mit eigens zusammengestellten „heiligen Schriften“, die die Lehre und die Offenbarung an die Gemeinschaft herantragen und von diesen internalisiert werden. Oft geht dies zugleich einher mit dem Eleminieren anderer Glaubensschriften oder Schriften, die die Offenbarungen negieren würden (Bücherverbrennung durch die Inquisition und die Nazis). Ähnliches passiert häufig auch mit denjenigen, die sich dieser Offenbarung zu entziehen versuchen oder gar gegen sie kämpfen.
  • Tempel und Monumente:  Da die Propheten schließlich auch zu ihrer Glaubensgemeinschaft sprechen und predigen wollen, werden wahrliche Monumente erbaut, die schon vom bloßen Anblick her jeden Zweifel an der Lehre versiegen lassen (Petersdom, Sabancı-Zentralmoschee, Sportpalast, Salt-Lake-Temple). Diese Monumente oder Tempel sind zudem ein Ausdruck von der Ewigkeit ihrer Macht. Nichts beteuert die Unendlichkeit so sehr, wie ein Tempel oder ein Monument aus unvergänglichen Baumaterialien wie z.B. Stein oder Gold (Man denke hier einmal an die Pläne von Hitlers „Germania".
  • Symbolik: Eines der wichtigsten Attribute einer jeden Religion sind ihre Symbole. Sie dienen dazu, den Glauben nach außen hin zu präsentieren und den Herrschaftsbereich klar zu kennzeichnen. Zudem bieten sie eine identifikationsstiftende Funktion. Jeder Träger des Symbols identifiziert sich zugleich mit einer Gemeinschaft. Des Weiteren werden Symbole oft in diverse Rituale und Zeremonien mit einbezogen (Kreuz, Mondsichel, Davidstern, Hakenkreuz).
  • Rituale und Zeremonien: Wie schwört man am besten eine Gemeinschaft auf einen Glauben ein? Durch Rituale! Rituale schweißen die Glaubensgemeinschaft fester zusammen, stärken das Wir-Gefühl und halten den Glauben stetig am Leben. Zudem können Zeremonien eine Art mystische Atmosphäre  erzeugen, die den „Auserwählten“ mit einer heiligen Aura umhüllt und so für ein Gefühl der „göttlichen Erhabenheit“ bei der Gemeinde auslöst. Als Beispiel für die Ähnlichkeit zwischen nationalsozialistischen Zeremonien und denen der katholischen Kirche führt Christian Dube in seinem Buch „Religiöse Sprache in Reden Adolf Hitlers“  die katholischen Messe auf:

Nationalsozialismus

Katholische Messe

Fahneneinmarsch

Besteigen des Altars

Fahnenlied

Introitus

Fahnenspruch und Hymne

Kyrie und Gloria

Aufruf und Rede des Führers

Schriftlesung und Ansprache

Bekenntnis

Credo

dreimaliges „Sieg Heil!“

Schlußresponsorium (Dominus vobiscum – Deo gratias)

        

  •  Herrschaftssystem und Sicherung der Macht: Wer sich die Religionen der letzten 2000 Jahre anguckt, wird sehr schnell merken, dass hinter diesen Institutionen und Organisationen stets das Machtinteresse von einigen wenigen Menschen stand. Religionen sind Herrschaftssysteme der effektivsten Art. In keiner anderen Organisationsform wird eine undurchdringbare Hierarchie, ein absoluter Wahrheitsanspruch, eine Heilsversprechung, das Androhen von Strafen bei Ungehorsam und das Sterben für eine höhere Sache so bedingungslos von ihren Anhängern hingenommen und angenommen. Wie kann ein Volk noch einfacher regiert werden, wenn nicht mit der Angst vor den ewigen Höllenqualen? Auch der Missionierungs- und Expansionsdrang mit allen verfügbaren Mitteln verdeutlicht das Machtinteresse der Religionen.
  • Solidarische (Volks)Gemeinschaft: Und zu guter Letzt braucht jede Religion natürlich auch noch eine Glaubensgemeinschaft, die solidarisch organisiert und in sich geschlossen ist. Auf diese Weise entsteht ein Schließungsprozess, der „die Unsrigen“ von „den Anderen“ abgrenzt. Dies ist zudem auch die Grundlage des Nationalismus und dementsprechend Fundament eines jeden Nationalstaates. Aus dieser Perspektive können auch im Nationalismus des 18ten bis 20ten Jahrhunderts religiöse Strukturen erkannt werden.

Religiöse und religionslose Staaten

Es soll nun nicht der falsche Eindruck entstehen, ich würde bspw. die Katholische Kirche direkt mit dem NS-Regime gleichsetzen! Hier soll es lediglich um die Darstellung von ähnlichen Organisationsstrukturen gehen, welche dazu verwendet wurden/werden, Menschen zu unterjochen und ein Herrschaftssystem zu legitimieren und zu festigen. Zudem sollte man diese eurozentrische perspektive einmal außen vor lassen und sich die Katholische Kirche bzw. deren Auswüchse und ihren Einfluss in Afrika und Süd-Amerika betrachten. Denn einen wie bei uns in Deutschland, und in den meisten anderen europäischen Ländern, durch die Aufklärung gezähmten Katholizismus gibt es dort nicht. Totalitäre Herrschaftsansprüche, Missachtung der Menschenrechte, Verfolgung von Minderheiten und archaische Familienstrukturen werden dort sogar mit der Religion legitimiert. Das gilt selbstverständlich nicht nur für die Katholische Kirche, sondern auch für den Islam und die Evangelikalen.

Der eigentliche Punkt dieser Gegenüberstellung von Religionen und politischen Religionen sollte zeigen, dass es nicht ganz der Wahrheit entspricht, wenn man bei den totalitären Regimen des 20ten Jahrhunderts von religionslosen Staaten spricht. Denn es lässt sich festhalten, dass diese totalitären Unrechtsregime die Kriterien einer Religion erfüllen und somit als „politische Religionen“ zu werten sind. Von religionslosen Regimen kann hier jedenfalls nicht die Rede sein. Viel mehr weisen jene Regime große Ähnlichkeiten zu solchen Staaten auf, die über eine Staatsreligion verfügen bzw. in denen religiöse Führer als Staatsoberhäupter agieren. In der Moderne sind dies insbesondere islamische Staaten wie der Iran, Pakistan oder Saudi-Arabien, an denen man erkennen kann, wie religiöse Staaten funktionieren und wie der Glaube der Menschen für die Machtgeilheit einiger weniger missbraucht wird und Staatenlenker zu Marionetten der Muftis und Glaubensführer werden.

 

Der "echte" religionslose Staat

Ist also im Umkehrschluss ein von religiösen Strukturen befreiter Staat die ideale Lösung für eine freiheitlich demokratische Gesellschaft? Nun, Wenn wir unter „befreit von religiösen Strukturen“ das Freisein von einer Glaubenslehre mit absoluten Wahrheitsanspruch und falschen Propheten, die diese „Wahrheit“ mit Feuer und Schwert in die Welt hinaustragen und so den Herrschaftsanspruch einiger weniger über die Mehrheit zu erreichen versuchen, dann ist diese Frage, so denke ich, zu bejahen. Denn nur auf diese Weise ist ein Zusammenleben in Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und mit Menschenwürde überhaupt möglich. Überall dort, wo religiöse Strukturen im Staatswesen zu finden sind/waren, werden immer auch die Rechte von Menschen, egal ob Frauen, Homosexuelle oder Andersgläubigen, missachtet oder unterschiedlich bewertet.

Ich plädiere daher, im Gegensatz zu Thierse, für einen deutschen Staat frei von jeglicher Religion und religiösen Strukturen, der allein im Sinne der Aufklärung, der Wissenschaft und der Menschenrechte agiert und dementsprechend auch strukturiert ist. So soll die Gefahr vor einer Diskriminierung und Ausschließung anderer verhindert werden und auf Basis eines säkularen Grundgesetzes (das ist es bisher nämlich nicht, siehe: Präambel im GG) gesellschaftliches Zusammenleben unter einem humanistischen Wertekanon ermöglicht werden.

An dieser Stelle gibt es jedoch immer wieder den Einwand, dass selbst in rein säkularen, aufgeklärten und (natur)wissenschaftlich geprägten Staaten fundamentale Strukturen zu finden seien. Schließlich hat die Wissenschaft auch „Glaubensgrundsätze“, in Form von Naturgesetzen und Theorien, Propheten in Form von Wissenschaftlern und Lehrern und staatliche Schulen, Universitäten und Lehrbücher, um diese „Glaubensgrundsätze“ zu verbreiten. Quasi eine „Wissenschaftsreligionen“. Einen erheblichen Unterschied gibt es dennoch. Und zwar den Ewigkeitsanspruch, den wissenschaftliche „Glaubensgrundsätze“ (eigentlich) niemals haben (sollten)! Wissenschaft ist nämlich nicht der Glaube daran, die absolute Wahrheit zu besitzen, sondern der Glaube (im Sinne von Vermuten), dass etwas, was heute gültig ist, morgen schon wieder widerlegt sein kann.

2.12.12 19:08

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(3.12.12 08:46)


Besser hätte ich es auch nicht schreiben können :-)
Es ist schrecklich wie oft man als nicht Gläubiger als Monster dargestellt wird.

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