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Religionsunterricht oder Glaubenslehre – Schule als religionsfreie Zone?

Ich erinnere mich noch genau, als ich an meinem ersten Schultag den Stundenplan bekam, auf dem, neben mir bekannten Fächern wie Deutsch, Mathematik oder Sport, das Fach Religion stand. Als Kind aus einem nicht religiös geprägten Haushalt, obwohl getauft und in einen evangelischen Kindergarten sozialisiert, hatte ich nie wirklich Kontakt zur christlichen Glaubenslehre noch beschäftigte ich mich mit den Gedanken über Gott.

Nun könnte man meinen, dass der Religionsunterricht an deutschen Schulen ein aufgeklärter und reflektierter Unterricht über die unterschiedlichen Religion und Glaubensrichtungen dieser Welt sei. Oder anders: Man wird über die Religionen dieser Welt unterrichtet, wie es in unserem heutigen Zeitalter zu erwarten wäre. Was ich jedoch erleben durfte war keineswegs ein Unterricht über die Religionen, es war schlicht und einfach Glaubenslehre. Die Glaubenslehre der christlich-evangelischen Kirche, wie sie auch innerhalb ihrer eigenen Organisationen verbreitet und gelehrt wird.

Bestandteile des Unterrichts waren, neben den harmlosen Dingen wie Mandalas ausmalen und Weihnachtsdekoration basteln, auch das Singen von „Glaubensbekenntnissen“, dem darstellen von Meinungen als ewige Wahrheiten und natürlich dem Auswendiglernen der zehn Gebote. Selbstverständlich nur in der „harmlosen“ Variante, die jene „unchristlichen“ stellen weg ließ wie:

„Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation“ (Ex 20,5)

Ja, die zehn Gebote, wer kennt sie nicht. Das Fundament unserer jüdisch-christlichen, abendländischen Tradition. Das Manifest der sozialen Ordnung und der Moral in unserer Gesellschaft. Von Gott gegeben, über Mose dem Menschen offenbart. So jedenfalls wurde es mir und wird es auch noch heute noch den Schülern an staatlichen Schulen vermittelt inklusive dem ewig klingenden Mantra: „Ohne Gott gäbe es keine Moral in unserer Gesellschaft!“.

 

Religion als Schulfach

Doch wenn Religion zum Schulfach wird, dann unterliegt dieses Fach auch den konventionellen Methoden der Bewertung und Benotung, als Nachweis über die erbrachten Leistungen. Doch wie soll eine solche Benotung innerhalb eines Religionsunterrichts, in dem Meinung als Wahrheit und Glaube als Wissen vermittelt wird, objektiv durchgeführt werden? Das würde bedeuten, dass diejenigen, welche die Lehre am gründlichsten internalisiert haben, die besten Bewertung erhalten. Eine wunderbare Vorstellung, wie wir mangelndes Reflexionsvermögen belohnen und auf diese Weise unkritische Bürger heranzüchten.

Es hat schließlich seine Gründe, warum der Politikunterricht in den meisten Schulen erst ab der 8. Oder 9. Klasse angesetzt ist. Denn vorher sind die meisten Schüler gar nicht in der Lage, sich eine reflektierte und eigene Meinung über ein solches Thema zu bilden. Und auch hier haben die Lehrenden ihre politische Neutralität zu wahren und ihre eigene Meinung nicht mit einfließen zu lassen. Der Religionsunterricht hingegen beginnt bereits ab der 1. Klasse.

Aber oft wird dem entgegnet, dass der Religionsunterricht der einzige Unterricht sei, in denen Kinder universelle Werte gelehrt bekommen und ihnen hier gezeigt wird, dass sie nur um ihrer Selbstwillen anerkannt, akzeptiert und geliebt werden … naja, zumindest solange sie nicht schwul sind. Denn da hört für die meisten Religionen der Spaß auch schon auf:

„Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel“ (Lev 18,22);Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.“ (Lev 20,13).

Mir ist durchaus bewusst, dass nun die Stimmen jener wieder laut werden, die behaupten, dass sei nicht mehr aktuell und die Bibel würde heute ganz anders interpretiert werden und sowieso stammen diese Verse aus dem alten Testament. Dennoch frage ich mich, wie etwas so schreckliches und anti-humanistisches in einer „heiligen Schrift“ stehen kann, die doch immer wieder von einem barmherzigen und liebenden Gott erzählt? Des Weiteren stellt sich die Frage, wieso einige Stellen der „heiligen Schrift“ immer wieder uminterpretiert, verschwiegen oder ganz weggelassen werden dürfen, andere jedoch immer noch als ewige Wahrheiten hingenommen werden?

 

Die Patchwork-Religionen

Es wird zwanghaft versucht Geschichten, die dem heutigen Weltbild widersprechen, umzuinterpretieren und zu rechtfertigen. Meist heißt es dann, es wären nur „Metaphern“, „Symbole“ oder „Sinnbilder“, die man gar nicht so wörtlich nehmen dürfe, da sie von Menschen aus einer anderen Epoche geschrieben wurden. Merkwürdigerweise sind es aber auch nur Menschen aus einer bestimmten Zeit gewesen, die über die Existenz Gottes geschrieben haben. Und es sind auch nur Menschen aus unserer Zeit gewesen, die darüber entschieden haben, was „symbolisch“ zu verstehen ist und was tatsächlich so passiert sein soll.

So bastelt man sich also über die Jahre hinweg seine eigene Religion und nimmt nur das, was einem gefällt. All das Schlechte und Bösartige, was in den vergangenen 2000 Jahren im Namen Gottes millionen von Menschen widerfahren ist, lässt man einfach außer Acht. Im Grunde sind diese Gläubigen nichts weiter als „Patchwork-Christen“, die sich das herauspicken, was sie für gut halten. Mir persönlich sind da die fundamentalen Evangelikalen noch lieber, die nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ wenigstens konsequent sind in dem was sie glauben. Dementsprechend sind sie auch leichter als das zu entlarven, was sie sind: unaufgeklärte Menschen mit dem Weltbild eines einfachen, 2000 Jahre alten Hirtenvolkes.

 

Religion innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft

Aber ganz abgesehen von dem Streit zwischen: „Gibt es einen Gott oder gibt es ihn nicht?“ und „Soll meinen Kindern so etwas in der Schule lernen?“ werden wir im Laufe der Zeit zunehmend Probleme bekommen, einen staatlichen Religionsunterricht anzubieten, der lediglich zwei Konfessionen bedient. Zwar sind jetzt schon Versuche unternommen worden, islamischen Religionsunterricht ebenfalls anzubieten, doch dabei wird es nicht bleiben können.

Die aktuellen Zahlen über die sinkenden Mitgliederzahlen der christlichen Großkirchen und die dafür steigenden Zahlen der Freikirchen und anderen Religionen wie dem Hinduismus, Buddhismus oder esoterischer Sekten zeigt, dass es in einer sich zunehmend pluralisierenden multikulturellen Gesellschaft mehr und mehr Glaubensgemeinschaften geben wird, die ebenfalls ihre Rechte einfordern werden. Früher oder später auch an öffentlichen Schulen. So wird es irgendwann nicht mehr möglich sein a) nur noch christlichen und evt. islamischen Schulunterricht zu legitimieren und b) tatsächlich für jede dieser Religion einen Unterricht einzurichten und zu organisieren.

Der Gedanke der dahinter steht bzw. der Weg, wie man versucht Gleichberechtigung zwischen den Religionen zu schaffen ist meiner Meinung nach ein falscher. Man versucht momentan, die anderen Religionen, auf dieselbe Stufe zu bringen, wie die christlichen Großkirchen. Aus den oben beschrieben Gründen wird das aber nicht möglich sein. Was wir brauchen ist eine Gleichberechtigung auf der untersten Ebene! Das bedeutet, die Abschaffung sämtlicher Privilegien der christlichen Großkirchen inklusive staatlicher Förderung. Nur auf einem kleinsten gemeinsamen Nenner können wir das gleichberechtigte Existieren der verschiedensten Religionen in Deutschland ermöglichen.

Ein Beispiel für einen solchen Fall wäre die USA in der Staat und Religion wesentlich strenger getrennt sind als in Deutschland und eine Privilegierung einer Religion undenkbar ist. Daher plädiere ich für die absolute Entkopplung der Kirche aus allen staatlichen Angelegenheiten und Einrichtung und umgekehrt.

 

Vorschläge eines zeitgemäßen Religionsunterrichts

Nichts desto trotz soll den Schülern und Schülerinnen etwas ÜBER Religionen beigebracht werden und sie sollen zu dem etwas über eine humanistische Moral und Ethik sowie über die Sinnerfüllung des Lebens lernen. Jedoch eignet sich dafür der konventionelle Religionsunterricht nicht. Für diesen Zweck gäbe es bessere alternativen, die zu dem die nachfolgenden Kriterien und Ziele erfüllen können:

Ziele:

  • Sinnlehre statt Sinnleere: Persönliche Sinnsuche frei von Dogmen
  • Schärfen des kritischen Denkens und Hinterfragens
  • Offene Auseinandersetzung mit Moral, Ethik und sozialen Normen
  • Lehre über verschiedene Religion in einem historischen Kontext
  • Unterstützung bei der Gestaltung eines Lebens nach humanistischen Idealen

Kriterien:

  • Frei vom Einfluss nicht-staatlicher Institutionen
  • Neutrale Lehrkräfte
  • Keine Privilegierung einer Konfession oder eines Glaubens
  • Pflicht für alle Kinder, unabhängig von ihrem Glauben

 

Wie kann also ein „Religionsunterricht“ in Zukunft gestaltet werden? Es gibt bereits einige Modelle, die solche Alternativen anbieten. Es könnte beispielsweise ein Philosophieunterricht bereits ab der 1. Klasse (natürlich dem Alter entsprechend) zum Pflichtfach gemacht werden, der all diese Ziele erfüllen könnte. Oder ganz schlicht „Humanismus“ als Fach, was dieselben Ziele und Kriterien erfüllen würde wie Philosophie, nur nicht ganz so „altbackend“ für die Schüler rüberkäme. Auch ein Weltkundeunterricht wäre denkbar, der zumindest die Lehre über die Religionen, deren Geschichte und heutige Bedeutung abdecken würde. Dieser Teilbereich der Religionen könnte aber auch einfach im Geschichtsunterricht stärkere Aufmerksamkeit erfahren und dann durch ein Fach wie Philosophie, Humanismus oder ganz einfach „Leben“ ergänzt werden, in dem sowohl die Sinnfrage als auch Moral und Ethik behandelt werden.

Das wären alles Modelle, mit denen man sich loslösen könnte von diesem leidigen Ausdruck des „Religionsunterrichts“, der für viele Menschen bereits negativ konnotiert ist. Des Weiteren würden so alle Kinder gemeinsam über dieselben Werte unterrichtet werden. Auf diese Weise würde ein gemeinsamer Wertekanon geschaffen werden, der die Schüler für ein Leben in einer pluralistischen Gesellschaft wappnet und so zum Gelingen eines friedlichen Miteinanders beitragen könnte.

 

 

25.11.12 17:49

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